Grundsätzlich unterscheidet sich die Nahrungsmittelallergie nicht von anderen Allergien: Es handelt sich um eine Überreaktion des Immunsystems. Es werden dabei Bestandteile (Allergene) der Nahrung als Gefahr für den Körper erkannt, ähnlich wie Krankheitserreger. Grob gesagt passiert dann folgendes: Das Immunsystem setzt sich in Gang und bildet Antikörper. Diese lagern sich dann an unseren (Mast)Zellen an und beim nächsten Kontakt mit dem Allergen platzen diese dann auf. Sie setzen Histamin frei. Diese Histamin-Ausschüttung initiiert im Prinzip verschiedene Prozesse im Körper, um uns gegen die vermeintlichen Krankheitserreger zu schützen. Das Problem bei dieser Situation ist nur, dass das eingenommene Allergen keine körperliche Gefahr darstellt. Es ist eine Fehleinschätzung unseres Immunsystems. Und in deren Konsequenz wiederum können die eigentlichen Schutzmechanismen für uns schädlich sein. Das äußert sich dann in allergischen Reaktionen, wie zum Beispiel Hautreaktionen, Niesen, Schwellungen oder Verdauungsreaktionen. Im schlimmsten Falle können Allergien lebensbedrohlich sein.
In solchen Situationen gibt es medizinische Versorgung, die dieser körperlichen Reaktion entgegenwirkt. Außerdem, und das ist in Bezug auf Lebensmittelallergien wesentlich entscheidender, werden wir als Verbraucher ja geschützt durch die sogenannten Allergenhinweise auf dem Lebensmittel. Nahrungsmittelallergiker haben also die Chance den Kontakt mit dem Allergen zu vermeiden. Und manchmal, wenn wir nur leichte Allergiker sind, nehmen wir bewusst die milde Reaktion in Kauf, um das Lebensmittel trotzdem zu genießen.
Anders ist es hingegen bei uns im Berufsleben. Auch wir reagieren allergisch auf andere, ebenso können wir natürlich auch Allergieauslöser sein. Leider werden wir aber nicht durch einen Warnhinweis oder gar eine Kennzeichnung darauf hingewiesen. Und was viel schlimmer ist: Wir kennen oftmals unsere Allergene gar nicht bewusst. Die allergischen Reaktionen können sich aber durchaus nachteilig für uns auswirken. Aber warum reagieren wir denn allergisch auf andere? Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass es unterschiedliche Auslöser für Allergene gibt. Wir können sie in drei Kategorien unterteilen. Zum einen gibt es zwei Arten der Intoleranz, die der Werte und die der Talente; und dann haben wir noch den klassischen Fall der Fehlinterpretation.
Schauen wir uns zunächst die Werte-Intoleranz genauer an. Vor allem basierend auf unserer Erziehung, aber auch resultierend aus sämtlichen Einflüssen aus unserem Umfeld, hat ein jeder von uns Werte. Wir sind damit groß geworden und tief darin verwurzelt. Im Grunde sind sie unsere Lebensethik, die für uns persönlich überwiegend unantastbar ist. Wir sind uns bewusst, dass diese Werte individuell variieren können und so ergibt sich ein breites Spektrum an Werten in der Menschheit. Diese können wir auch größtenteils auf einen Nenner bringen. Wir erinnern uns an dieser Stelle kurz an die Mengenlehre in Mathematik und in diesem Zuge an die Schnittmenge. Die Schnittmenge war die Sache mit den zwei sich überlappenden Kreisen. Im Regelfall überlappen sich durchaus einige unserer eigenen Wertevorstellungen mit denen unseres Umfelds. Und dort wo sie es nicht tun, üben wir entweder Akzeptanz oder zumindest Toleranz der Werte. Im schlimmsten Fall aber fällt uns das so schwer, dass wir es nicht schaffen, bestimmte Werte unseres Umfelds zu respektieren. Wir sind also gewissen Werten gegenüber intolerant. Es sind diese Bestandteile in unserem Umfeld, die unsere allergische Reaktion auf Hochtouren bringen.
Eine ebenso fatale Allergiefalle ist auch die Nicht-Akzeptanz bis hin zur Intoleranz von speziellen Talenten. Und das ist nur in einem Fall äußerst heikel: Wir selbst haben dieses Talent nicht ausgeprägt, halten das aber auch nicht für problematisch. Es ist kein Talent, das wir anstreben. Und dennoch gibt es den allergischen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Andere von uns wertgeschätzte Menschen, schätzen wiederum genau dieses Talent bei dieser anderen Person. Das ist eine absolut nicht-akzeptable Konstellation für uns. Das hat gar nichts mit Neid zu tun. Neidisch können wir nicht sein, weil wir hier von Fähigkeiten sprechen, die wir für vollkommen überflüssig halten. Das heißt, auch wenn uns das Talent fehlt oder unterentwickelt ist, wir sind auch null Komma null daran interessiert hier auch nur einen Funken Energie in die Erlangung dieser Fähigkeit zu stecken. Und genau dieses fehlende Verständnis für die Relevanz des Talents macht es zu einem so komplexen Allergen, das wir schwer steuern können.
Die Fehl-Interpretation fasst im Grunde die beiden vorherigen Punkte zusammen. Dadurch wird eine zusätzliche dritte Allergen-Kategorie kreiert. Ursächlich für die Fehlinterpretation sind wohl in erster Linie entweder die Werte- oder die Talente-Intoleranz. Hier kommt erschwerend die Tatsache hinzu, dass es eventuell nur eine wahrgenommene Intoleranz ist. Das heißt Wahrnehmung und Realität müssen nicht immer übereinstimmen. Durch nicht ausreichende Klärung des Sachverhalts interpretieren wir häufig etwas in Beobachtungen, Worte oder Handeln hinein und ziehen daraus möglicherweise falsche Rückschlüsse. Die wiederum sind dann Futter für unser Kategorie-Denken im Abgleich mit uns selbst: Übereinstimmung oder Abweichung im Sinne einer Akzeptanz oder Intoleranz mit unseren Erfahrungen, Werten oder Talentvorstellungen? Dieses Allergen ist besonders gefährlich, weil es sich im irrealen Raum befindet. Es handelt sich praktisch um ein Hypochonder Allergen.
Aber warum sind diese Allergene so gefährlich für unser Berufsleben? Wir sind alle Menschen und wir alle haben Allergene, auf die wir reagieren. Die Antwort ist relativ einfach: Eine allergische Reaktion im beruflichen Umfeld lässt uns unprofessionell erscheinen. Die Allergene greifen nämlich fundamental in unsere eigene Vorstellung von richtig und falsch ein. Sobald wir Menschen uns aber persönlich angegriffen fühlen, reagieren wir auch auf der persönlichen Ebene. Eine persönliche Reaktion ist dann üblicherweise auch eine emotionale Reaktion. Das kann sich auf unserem Gemütszustand auswirken oder sich in unserer Mimik und Gestik, Lautstärke oder auch Wortwahl zeigen. Oftmals trifft es unser Umfeld ohne jegliche Vorwarnung, weil die irrationale Überreaktion in einen sachlichen Kontext fällt. Das ist kritisch und kann fatale Auswirkungen haben. Denn grundsätzlich hat all unser Tun eine Auswirkung auf unser Umfeld und gibt Anlass für Interpretation. Als Folge können wir Beziehungen zu anderen zerstören, deren Wahrnehmung über uns selbst verzerren, aber auch unsere eigene Motivation ins Wanken bringen.
Deshalb ist es so wichtig die Professionalität im Berufsleben zu wahren. Wir können sie sicherstellen, indem wir uns mit unseren Allergenen auseinandersetzen. Nicht bei jedem Allergen wird sofort ein anaphylaktischer Schock ausgelöst und wir schweben in Lebensgefahr. Am häufigsten treten zunächst allergische Reizungserscheinungen auf. Diese Symptome müssen wir lernen zu erkennen. Das dauert und vor allem müssen wir uns die Zeit nehmen, uns damit bewusst auseinander zu setzen. Dazu sollten wir uns Freiraum einplanen, um Situationen, die uns emotional aufgewühlt haben, gedanklich nachzubereiten. In dem Moment selbst sind wir häufig nicht in der Lage reflektiert zu handeln. Aber es gibt immer ein „danach“. Und jedes Danach gibt uns die einmalige Chance uns auf das nächste Mal vorzubereiten. Wir müssen unbedingt aus Situationen lernen. Welcher Moment hat bei mir welche Reaktion ausgelöst und warum? Wie äußert sich meine allergische Reaktion? Hat mein Umfeld davon etwas mitbekommen und wie hat es reagiert?
Es ist ein schwieriger Prozess, weil wir hier von einem sehr persönlichen Bereich sprechen. Bei den Lebensmitteln ist es einfacher: Wir kennen unsere Allergie und vermeiden den Konsum des Lebensmittels, das unsere Allergie auslöst. Bei uns Menschen können wir den Konsum nicht verhindern, denn der ist fremdgesteuert. Wir werden nicht verhindern können, dass wir mit Menschen zusammenarbeiten, deren Wertevorstellung wir nicht tolerieren können oder deren Talente wir nicht wertschätzen. Und wahrscheinlich werden wir auch nur schwerlich an der Toleranzschwelle etwas ändern können, da diese sehr stark in unserem Ich verankert ist. Werte übernehmen wir bereits in den ersten Lebensjahren und werden dann immer weiter in unseren Wertvorstellungen ausgeprägt. Wir müssen uns in der Herangehensweise von der Vorstellung lösen, dass es hinsichtlich der Werte ein richtig und ein falsch gibt, sondern vielmehr ein Spektrum individueller Werte-Klaviaturen, das wir nicht beherrschen. Wir müssen uns dabei selbst und bewusst aufklären, was genau davon unsere Intoleranz-Reaktion auslöst. Das wiederum erlaubt uns die Klaviatur beherrschbarer zu machen. Hier können wir den konkreten Unterschied machen und unser Verhalten anfangen zu steuern: Weg von einer irrationalen Reaktion auf ein Allergen hin zu einem professionellen Umgang.
Wir stehen vor der Aufgabe, uns Strategien zu überlegen, wie wir mit dem allergischen Reiz umgehen und damit die Reizung lindern, um einen allergischen Schock, die Unprofessionalität, zu verhindern.
Wenn wir unsere allergischen Reize kennen, können wir Handlungsstrategien entwickeln. Die, die auf der Hand liegt, ist den Reiz zu meiden. Wie schon gesagt, werden wir jedoch die Konfrontation mit dem Reiz im beruflichen Alltag nicht ausschließen können. Was könnte also die Rolle unserer medizinischen Behandlung einnehmen? Unsere vorbeugende Pille, die wir schlucken müssen, heißt: Konkrete Arbeitsweisen entwickeln, die uns helfen unsere allergische Reaktion zu mildern. Und da hilft häufig die Strategie der Verzögerung, denn die entzerrt unsere Reaktion von Emotionen. Jedoch ist das praktisch nicht ohne einen konkreten Handlungsplan umsetzbar. Und selbst dann ist es eine Herausforderung an unsere Disziplin, im Moment des emotionalen Triggers die allergische Reaktion zeitlich zu verzögern.
Eine weitere Möglichkeit den Reiz zu mildern, kann unser Versuch sein, den Schwellenwert zu erhöhen, der die allergische Reaktion auslöst. In einer „eins zu eins“-Situation mit dem Allergen, ist dieses sehr hoch konzentriert. Das ist beispielsweise, wenn wir als Nuss-Allergiker eine Nusstorte essen. Wenn wir jedoch versuchen die Einzeldosis zu verringern, in dem wir andere positive Einflüsse in die Situation hinzufügen, können wir dadurch erreichen, dass die Allergenkonzentration verringert wird. Sagen wir, wir essen eine Schokoladentorte mit Nussdekoration, um im Beispielkontext zu bleiben. So kann vor dem allergischen Schock vielleicht nur ein leichtes Jucken als Reiz auftreten. Der Allergentrigger ist jedoch individuell unterschiedlich, ebenso wie die Reaktion. Und unsere Tagesform spielt hier auf jeden Fall auch eine große Rolle. Jedoch dürfen wir nie vergessen: Professionelles Auftreten liegt in unserer Hand.