
Eben sprachen wir noch über die multi-talentierten Proteine, die den ersten Platz einnehmen, und jetzt wollen wir uns ernsthaft mit Unverdautem auseinandersetzen? Ja, denn auch das ist ein wichtiger Bestandteil in unserem Leben. Die meisten von uns haben die Erfahrung gemacht, wie beispielsweise der Mais genauso körnig den Körper verlässt, wie wir ihn verspeist haben. Ich finde Mais ist ein Paradebeispiel für unverdaute Talente. Eben schmeckte er uns köstlich und schon verlässt er den Körper auf schnellstmöglichen direkten Weg. Machen wir einen kurzen Exkurs in die Zusammenhänge, bevor wir zum eigentlichen Punkt kommen:
Der Mais ist ebenso wie auch Hülsenfrüchte umschlossen von einer Cellulose Schicht. Und diese Cellulose-Moleküle wiederum brauchen Enzyme, überraschenderweise die sogenannte Cellulase, um aufgespalten zu werden. Das ist ein entscheidender Vorgang bei der Verdauung. Doch ausgerechnet dieses Enzym haben wir nicht in unserem Körper. Glücklicherweise existieren ein paar wenige Bakterien im Dickdarm, denen offensichtlich die Cellulose trotzdem ganz gut schmeckt. Sie können zumindest Teile davon abbauen. Doch auch dies hat einen unangenehmen gasförmigen Nebeneffekt, der dem ein oder anderen bekannt vorkommen sollte. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen!
Wir sprechen hier somit von einem sogenannten Interessenkonflikt. Cellulose ist ein Hauptbestandteil in pflanzlichen Zellwänden und somit erhöht im Vorkommen in Obst und Gemüse. Besonders geläufig ist uns das wie erwähnt beim besagten Mais oder bei Hülsenfrüchten. All diese Cellulose-haltigen Lebensmittel, die in unserer Ernährung vorkommen, sind jetzt so gesehen nicht gerade ein Hochgenuss für unseren Körper. Damit meine ich nicht, dass sie uns schaden. Im Gegenteil; sie sind ein formidabler Ballaststofflieferant und auch geschmacklich kommen sie uns entgegen. Aber für unseren Verdauungsapparat sind sie wirklich nicht gemacht. Das ist so gesehen ein Dilemma.
Ähnliche Interessenkonflikte haben wir auch in unserem Berufsleben. Hier müssen oder dürfen wir tagtäglich Entscheidungen treffen. Schon entlang unseres gesamten Lebensweges begleiten uns Träume von Dingen, die wir unbedingt können wollten. Ob es nun sportliche oder künstlerische Träume waren, bei dem ein oder anderen waren wir einfach nicht erfolgreich. Es sind die Sehnsüchte nach Talenten, bei denen wir aber letzten Endes kläglich scheitern. Teilweise schaffen wir es gar nicht erst, überhaupt ernsthaft viel Schweiß und Arbeit zu investieren. Es fehlt das Durchhaltevermögen und die Konsequenz. Oder aber selbst mit Disziplin und Spucke reichte es grade mal zu drei Akkorden mit der Gitarre am Lagerfeuer. Und hier liegt die Parallele zum symbolischen unverdauten Mais:
Es gibt Dinge, die liegen uns einfach gar nicht. In einer Leistungsgesellschaft tendieren wir in diesem Fall dazu von mangelndem Talent zu sprechen. Aber behalten wir den positiven Fokus bei. Es gibt Dinge, die liegen uns von Natur aus. Das sind Talente. Und jeder von uns hat eine Menge davon. Ich würde behaupten es gibt auch Fähigkeiten, die im durchschnittlichen Bereich angesiedelt sind. Diese können wir mit einem gewissen Aufwand erlernen, sie sind allerdings ebenfalls leicht austauschbar. Und zu guter Letzt existieren eben auch sie: Die Maiskörner, die wir, auch wenn wir sie tausendfach probieren, einfach nicht verdaut bekommen. Wir können sie kauen und kauen und kauen und am Ende wird das Maiskorn im besten Falle nicht mehr im Ganzen durchrutschen, aber es wird dennoch nicht viel hängenbleiben. Sie sind das Schwarz in all unseren Farben. Wir müssen uns dessen nicht schämen oder uns gar klein machen. Das gehört zum Leben dazu. Wichtig ist für uns, dass wir unsere unverdaulichen Talente kennen, damit wir uns nicht unnötig aufreiben. Wir sollten deshalb aber keinesfalls Angst vor dem Neuen oder Unbekannten haben. Wenn wir uns dem verwehren, verpassen wir vielleicht die Erkenntnis über ein schlummerndes Talent in uns. Ausprobieren heißt die Devise. Jede Herausforderung ist eine Chance. Erst danach können wir Schlussfolgern: Handelt es sich hierbei um eine für uns unverdauliche Fähigkeit? Und ich will jetzt niemanden dazu ermuntern sich zurückzulehnen und zu sagen: Ich bin offiziell talentfrei. Talentfreiheit existiert nicht. Es sind einige wenige Fähigkeiten, die wir ausleben wollen, aber die für uns nicht im ausreichenden Maß erreichbar sind. Um es klar zu sagen: Unser unverdautes Maiskorn, das in jeder unserer Ernährung vorkommt, kann nur ein Talent sein, das wir anstreben, bei dem wir aber nicht erfolgreich sind. Es sind oftmals die Dinge, die wir bei anderen bewundern, oder um die wir andere beneiden. Oder es sind Fähigkeiten, die wir für notwendig erachten, um einer gesellschaftlichen Vorstellung zu entsprechen. Deshalb wollen wir dieses Talent besitzen und verwenden sehr viel Energie darauf dieses zu erreichen.
Aber was bedeutet das jetzt ganz konkret im Umgang für uns? Ich betone es immer und immer wieder: Wir müssen uns selbst kennen! Wir sind Individuen mit einem individuellen Karriere-Ernährungsbedarf, den wir verstehen müssen. Das wiederum kommt nicht von selbst, sondern verlangt uns einige Selbstreflexion ab. Eine gewisse Systematik kann uns dabei helfen, um die Dinge bewusst zu machen. Dazu helfen uns kleine Momente der Ruhe und des Reflektierens. Wenn wir unsere Gedanken und Kopfkino starten, und an unverdauten Mais denken, in Form von Fähigkeiten, die uns einfach nicht leicht von der Hand gehen, welcher Film startet dann vor unserem inneren Auge? Welche Fähigkeiten wollten wir schon immer unbedingt können und dennoch blieben sie eine geträumte Realität? Wenn wir weniger dramatisch in uns blicken, was sehen wir, wenn wir nach dem Talentwunsch Ausschau halten, den wir mehr oder weniger mit mäßigem Erfolg umgesetzt bekommen?
Viel wichtiger bei dem Gedanken an diese Fähigkeiten, sollte aber vielmehr die Frage nach dem Warum sein. Warum sind uns diese Fähigkeiten, die uns nicht liegen, so wichtig? Manchmal wollen wir etwas unbedingt können, weil es uns hilft, Dinge erfolgreich zu meistern. Das heißt aber nicht gleichzeitig, dass wir das Talent selbst haben müssen. Wenn wir zum Beispiel die Anwesenheit einer bestimmten Kompetenz brauchen, um uns selbst komplett entfalten zu können, dann können wir auch versuchen gezielt mit Personen zusammenzuarbeiten, die diese Kompetenzen haben. So helfen wir uns selbst, ohne viel Energie aufzuwenden. Hier ein konkretes Beispiel: Nehmen wir an, ich bin ein Zahlenmensch. Ich arbeite eher tabellarisch mit Bilanzen. Nun muss ich eine Idee in drei Minuten meinen kreativen Stakeholdern präsentieren. Daher macht es eventuell Sinn, die Präsentation etwas bildlicher zu gestalten. Mir fehlt aber das Talent der visuellen Gestaltung. Ich bereite also die Präsentation in meinem Stil vor und zeige sie jemandem, der dieses graphische Talent hat. Der wiederum gibt mir eine Rückmeldung und Hilfestellung. Und mit den Tipps, kann ich meine Präsentation entsprechend optimieren, ohne das Talent selbst zu haben. Aber allein das Bewusstsein darüber, es nicht zu haben, hilft uns, uns entsprechend richtig zu verhalten.
Es ist im Endeffekt, die Akzeptanz der Maiskörner, des Kohls und der Hülsenfrüchte in unseren Fähigkeiten, die es uns erleichtern für unsere Karriere den richtigen Umgang damit zu finden. Viel zu oft, ver(sch)wenden wir all unsere Energie darauf, etwas zu können, was wir bei anderen bewundern. Aber das sind nicht wir. Das sind nicht unsere Talente. Und unser Körper ist nicht dafür gemacht, diese Fähigkeiten zur Perfektion zu bringen.