Ich bin aufgewachsen in dem Wissen, dass mir Traubenzucker hilft, meine Konzentration zu verbessern. Üblicherweise sind wir mit dem Traubenzucker bei den ersten Prüfungen in Kontakt gekommen. Er sollte uns helfen, unsere Leistungsfähigkeit zu steigern. Aber es gibt an dieser Stelle schon einige Regeln zu befolgen. Denn der Traubenzucker wirkt nicht endlos und wir müssen die Einnahme zeitlich steuern, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Der Traubenzucker liefert uns ein einfaches Kohlenhydrat, nämlich die Glukose. Die gelangt dann auf dem schnellsten Wege ins Gehirn. Von dort gibt sie uns die Energie. Aber wie beim Akku in unserem Mobiltelefon, wenn wir es sehr stark nutzen, so wird die Glukose im Gehirn schnellstmöglich verbraucht. Danach ist der kurzzeitig aufgeladene Akku wieder in den Ursprungszustand versetzt, nennen wir ihn leer. Der Effekt ist weg. Nun könnten wir auf so gewiefte Ideen kommen und unentwegt einfache Kohlenhydrate in uns hinein schaufeln, um unser Energielevel hochzuhalten. Das lässt unser Körper nicht zu und steuert dagegen. Er schüttet Insulin aus, um den Blutzuckerspiegel wieder zu senken. Diese Methode funktioniert also nicht.
Wir müssen somit einen anderen stabilen und nachhaltigen Weg in unserer Ernährung finden, um uns leistungsfähig zu halten und das Energieniveau auszubalancieren. Bei der Ernährung funktioniert das mit den Polysacchariden. Sie setzen sich aus mindestens zehn Einfachzuckern zusammen. Üblicherweise sind diese Kohlenhydrate pflanzlichen Ursprungs und stärkehaltig. Wir finden sie zum Beispiel in Vollkornbrot, Müsli, Gemüse oder aber auch im Fruchtzucker des Obstes. Das heißt, in unserer üblichen Ernährung können wir aktiv auf unseren Blutzuckerspiegel einwirken. Auf diesem Wege sorgen wir dafür, dass er stabil bleibt und wir unseren Körper nicht über- oder unterzuckern. Eine Überzuckerung des Blutspiegels würde zu der oben bereits erwähnten Insulin-Ausschüttung und damit zur Gegensteuerung des Körpers führen. Und eine Unterzuckerung des Blutspiegels führt zu einem Mangel an Glukose im Gehirn. Beide Situationen resultieren in einer Leistungsminderung.
In unserem Berufsleben durchleben wir auch Einflüsse auf unsere Leistungsfähigkeit. Wir begegnen Aufgaben und Fragestellungen, die unseren Akku aufladen oder verbrauchen. Im traditionellen Sinne, sprechen wir hier von der sogenannten „Work/Life Balance“. Die richtige Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Freizeit zu finden ist sicherlich ein kritischer Baustein für die Leistungsfähigkeit. Früher war dies sicher so. Aber die Belastung auf unseren Körper und damit unsere Leistungsfähigkeit macht heutzutage keinen Unterschied mehr zwischen Arbeit und Freizeit. Die gewissenhafte Nutzung beider Bereiche ist allerdings ein weiteres Element, das wir berücksichtigen müssen. Begriffe wie „Freizeitstress“ deuten auf die Problematik hin. Wir müssen darauf achten, wie wir unsere Zeit verbringen, um unser Energielevel stabil zu halten. Und auch hier heißt es wieder: Lerne dich selbst kennen!
Sich selbst kennenzulernen ist ein schwieriges Unterfangen. In sich hinein hören ist dabei eine gängige Formulierung, aber ich gebe zu, dass nicht jeder dazu geboren ist. Methodische Vorgehensweisen können dabei helfen, müssen es aber nicht. Viele nutzen Werkzeuge, wie zum Beispiel den Myers-Briggs Test. Das ist ein sogenannter Typindikator, der uns unsere natürlichen Präferenzen zur grundsätzlichen Persönlichkeitseinschätzung in Form einer Kennzeichnung in vier Buchstaben darlegt. Das Testergebnis sagt uns, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten (Extraversion oder Introversion), wie wir Informationen aufnehmen (durch sensitives Empfinden oder Intuition), wie wir Entscheidungen fällen (durch Denken oder Fühlen) und wie wir mit der Welt umgehen (durch Urteilen oder Wahrnehmen). Mit diesem Testergebnis erfahren wir mehr darüber, welche Arbeitsweise uns grundsätzlich besser liegt und damit weniger energieraubend ist. Ich persönlich finde dieses Werkzeug hilfreich, aber nicht tiefgreifend genug. Außerdem regt es ein starkes Schubladen-Denken an, weil der Test in der oberflächlichen Auswertung „entweder oder“-Antworten liefert. Das passt nicht mit meiner Vorstellung von einem Kollektiv aus Individuen zusammen. Ich habe Menschen kennengelernt, die sich zurücklehnen und hinter Buchstaben-Kodierungen verstecken oder gar ihr Verhalten anhand des Testergebnisses rechtfertigen. Nichtsdestotrotz ist es eine erste unkomplizierte Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen.
Da es aber mehr als nur schwarz und weiß gibt, wollen wir vor allen Dingen auch noch unsere Grauzonen kennenlernen. Wir stecken unsere ganz persönlichen Rahmenbedingungen ab. Dabei versuchen wir auch zu verstehen, wie wir unsere Schatten werfen, und dementsprechend wie flexibel unsere Rahmenbedingungen verschiebbar sind.
Zunächst beschäftigen wir uns mit unseren Energielieferanten. Nehmen wir an, wir sitzen am Frühstückstisch und denken über den vor uns liegenden Tag nach. Auf unserem Teller liegt die volle Ladung Energie. Ganz traditionell haben wir Stift und Zettel zur Hand, damit wir den Gedanken festhalten können. Was wäre unsere Erwartung an den Tag, damit unser Energielevel nicht flöten geht? Wir sollten darüber nachdenken, was uns ein Tag mental bieten muss, damit wir uns auf ihn freuen. Natürlich, das haben wir bereits alle verstanden, ist das Leben immer ein Geben und Nehmen. Daher müssen wir auch darüber nachdenken, was wir dem Tag geben wollen, damit er für uns ein erfolgreicher Tag ist. Spätestens jetzt fällt bei uns der Stift und die gedankliche Blockade setzt ein. Kein Grund sich unwohl zu fühlen, aber es zeigt uns, dass wir bewusster durch das Leben gehen müssen. Um uns an dieser Stelle zu helfen, können wir uns auf die Vergangenheit und unser Erlebtes verlassen. Anstelle bereits die Zukunft theoretisch zu durchdenken, lasst uns in Erinnerungen schwelgen. Eine Rückbesinnung auf die Augenblicke, in denen wir alles um uns herum vergessen haben, kann uns an dieser Stelle weiterhelfen. Was war genau der Auslöser davon und welche Rahmenbedingungen hatte diese Situation? Erinnern wir uns an unser letztes Herzrasen, als das Adrenalin hochkochte, warum war das so? Aber vergessen wir auch nicht unser Umfeld. Auch hier haben wir grandiose Momente mit anderen Menschen gemeinsam erlebt. Warum genau waren diese Situationen mit diesen Menschen so einzigartig und nicht mit jedermann wiederholbar? Wir merken, es gibt einiges zu reflektieren.
Die gleiche Übung sollten wir mit den Energieräubern wiederholen. Sie sind unsere Leistungsminderer, die Blutunterzuckerung oder –überzuckerung. Jeder von uns hat Hundstage. Das sind diese Tage auf die wir uns gar nicht freuen und die wir am liebsten nie erleben wollen. Wie sieht so ein Tag aus, damit wir ihn nie erleben wollen? Welche Rahmenbedingungen machen diesen Tag zu einem unerwünschten Tag? Auf der anderen Seite stellt sich die Frage welchen Beitrag unser Verhalten dazu leistet? Es gibt auch Dinge, die wir tun, die den Tag geradezu in den Abend treiben. Was verdirbt uns die Lebensfreude? Was sind diese Eigenschaften, die wir dem Tag bieten? Manchmal rast unser Herz vor Stress, weil uns Dinge auf die wortwörtlichen 180 bringen. Was genau macht uns in dem Moment Angst oder Stress? Auch halten wir uns in Situationen oder einem Umfeld auf, in dem wir uns unwohl fühlen. Was ist der Auslöser davon? Und vor allem: Warum tun wir das?
Und zu guter Letzt wollen wir nicht die Situationen, die man am liebsten vergessen würde, außen vor lassen. Sie sind gute Lehrstunden zur Selbstanalyse. Welche Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass wir diese Momente als energieraubend empfunden haben?
Das sind Fragen über Fragen. Wahrscheinlich können wir diesen Fragenkatalog endlos erweitern. Bei der Suche nach Antworten müssen wir in die Tiefe bohren und dürfen nicht an der Oberfläche verweilen. Nehmen wir uns Zeit dafür!
Wir wollen nicht nur verstehen, dass wir zum Beispiel gerne in Gesellschaft essen. Die wirklich wichtige Information für uns verbirgt sich in der Folgefrage nach dem Warum. An dieser Stelle gibt es vielfältige Möglichkeiten, und dementsprechend eine Vielzahl individueller Bedürfnisse für Energie. Bei dem konkreten Beispiel essen wir möglicherweise gerne in Gesellschaft, weil wir an den spannenden Gesprächen am Tisch teilnehmen können. Wir könnten auch gerne mit anderen essen, weil wir so Zeit zum Kochen sparen können und das Sinnvolle mit dem Angenehmen verbinden. Möglicherweise essen wir gerne mit anderen, weil die besser kochen können oder es dadurch eine Abwechslung auf unserer Speisekarte gibt. Oder aber, wir essen gerne mit anderen, weil wir dadurch ein Forum haben, um Neuigkeiten auszutauschen. Vielleicht ist das Essen bei dem Ganzen für uns egal und eigentlich ist uns nur die Gesellschaft wichtig, weil wir ungern alleine sind.
Durch das genaue Hinschauen werden wir uns über uns bewusster. Je genauer wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, desto leichter fällt es uns, unser Energielevel im Alltag auszubalancieren. Das wiederum hilft im Umgang mit uns selbst und dem Umfeld. Wir streben nicht unbedingt an, immer für andere berechenbar zu sein. Im Gegenteil, wir wollen sogar überraschen. Aber wir überraschen ungern uns selbst. Oft genug allerdings überraschen uns unsere Launen. Das hängt auch mit einem vernachlässigten Energieniveau zusammen.
Wir haben nicht immer alles in der Hand. Es wird Aufgaben und Fragestellungen geben, mit denen wir uns lieber auseinandersetzen als andere. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir eine berufliche Herausforderung finden, die zu hundert Prozent nur Energiebringer bietet. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass wir durch eine bewusste Berücksichtigung der Thematik die gesündere Entscheidung für unseren Karriere-Pfad treffen. Durch den aktiven Umgang mit dem Thema können wir für Ausgewogenheit in unserem Leben sorgen. Das gilt nicht nur für den Beruf, sondern auch für das Leben im Allgemeinen.
Die Fortgeschrittenen unter uns können sogar schon einen Schritt weitergehen und Vorsorge betreiben. Im echten Leben laden wir den Akku unseres Mobiltelefons auch vorbeugend auf, wenn wir wissen, dass wir unterwegs sein werden. Die Pfiffigen nutzen ihre Energielieferanten vorbeugend dafür, die Energieräuber gar nicht erst in Aktion treten zu lassen. Im Regelfall sind die Energieräuber nämlich die nicht unbedingt selbstbestimmten Tätigkeiten. Sie sind oftmals notwendiges Übel, die sich aus einer Situation ergeben: So ist auch die Unter- oder Überzuckerung des Blutspiegels nur eine Konsequenz. Die Ursache hätten wir vorher beeinflussen können und es wäre nie zu einer Leistungsminderung gekommen.